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Was ist Judentum?
#1
Question 
Was ist Judentum?

die heterogenen Strömungen des Judentums

1. Die Entfernung des Reformjudentums von den alten Traditionen

Das Reform - oder auch das liberale Judentum entstand im 19. Jahrhundert - zur Zeit der Aufklärung, oder vielmehr als Folge dessen - in Deutschland.
Es entfernt sich in folgenden Punkten vom traditionellen (gemeint ist das orthodoxe) Judentum:
1. Änderung der Gebetsordnung - lange Gebete wurden teilweise gekürzt, der Gottesdienst z.T. in der Landessprache abgehalten, eine Orgel wurde zugelassen, Männer waren nicht mehr verpflichtet eine Kopfbedeckung zu tragen und die Frauen mussten nicht mehr getrennt von den Männern sitzen.
2. Die Auserwähltheit des Volkes Israel: Die Auserwähltheit wurde nicht mehr betont, da man der Ansicht war, dass das Land, im dem ein Jude/eine Jüdin wohne, automatisch sein Land ist (zu dieser Zeit waren Juden in verschiedenen Ländern gleichberechtigt).
3. Die Einheit von Volk und Religion: Das Judentum wurde auf eine Konfession reduziert, da kein Anspruch mehr auf Erez Israel (das Land Israel) erhoben wurde (siehe Punkt 2).
4. Die Lebensweise/Realisierung des göttlichen Willens: Die Hoffnung auf den Messias, wurde zu einer Hoffnung auf eine messianische Zeit. Der Messias (der Gesalbte, der "König") als solches war nicht mehr relevant, da es diesen Anspruch auf Israel nicht mehr gab. Denn nach dem traditionellen Judentum, wird der Messias der neue König über Israel sein. Die Torah1 - Gebote mit einem ethischen Hintergrund wurden in den Vordergrund gestellt, während liturgisch und rituelle Gebote mehr und mehr an Bedeutung verloren (anthropozentrisch - der Mensch steht im Mittelpunkt). Shabbat2 und Kashrut3 wurden angepasst, Frauen gelten als gleichberechtigt, dürfen also auch den Talmud4 studieren und können Rabbinerinnen werden.
Das Reformjudentum ist eine moderne Interpretation des Judentums. So weist es die Idee der göttlich offenbarten Torah zurück und schreibt ihre Verfassung göttlich inspirierten Menschen zu. Darum werden die liturgischen und rituellen Gebote als lehrreich und in sich durchaus sinnvoll, aber nicht als bindend betrachtet. Dagegen gelten die ethischen Gebote als Ausdruck des göttlichen Willens verstanden und aus jenem Grund betont.

2. Die Grundsätzliche Position des traditionellen Judentums

Das traditionelle Judentum versteht sich als theodezentrisch, d.h. Gott steht im Mittelpunkt. Gott hat das Volk Israel auserwählt (zu seinem Volk erwählt) und das Volk nahm diesen Bund ,durch die Übernahme der schriftlichen und mündlichen Torah am Sinai, an. D.h. Gott offenbarte anhand der Torah seinen Willen und das Volk Israel verpflichtete sich freiwillig dazu diesen Willen zu realisieren. Und dabei macht es keine Abstriche, die Torah bestimmt das ganze Leben, da sie jeden Bereich des Lebens umfasst. Es gelten also alle 613 Ge - und Verbote (sofern sie heute realisierbar sind) gleichermaßen, nicht so wie im Reformjudentum wo die ethischen im Vordergrund stehen. Zu diesem Bund gehört auch das Land Israel, welches Gott seinem Volk versprochen hat. Eben aus diesem Grund spielt der Messias eine so wichtige Rolle, weil er der Gesalbte und somit der neue König über Israel sein wird und alle Juden (nach Israel) heimkehren werden. Von der Vorstellung der Heimkehr wie von der Vorstellung der Wiedererrichtung des Tempels hat sich das Reformjudentum jedoch entfernt, eben weil es keinen solchen Anspruch auf das Land Israel erhebt.
Auch die Stellung der Frau ist traditionell ist eine andere. Frauen sitzen in der Synagoge von den Männern getrennt, lernen nicht den Talmud und üben das Amt des Rabbiners nicht aus, da dies nicht ihre Aufgaben sind. Männer und Frauen haben unterschiedliche Aufgaben. Deshalb sollen sie sich auch von einander unterscheiden, wie es in der Torah heisst: Männer dürfen keine Frauenkleidung tragen und Frauen keine Männerkleidung (nach 5. B. Moses 22;5).
Auch die Gebetsordnung darf nicht verändert werden. Z.B. muss man ein Gebet um die Zeit verrichten, wie es die Torah vorschreibt (die Torah spricht natürlich vom Opferdienst, das Gebet ist aber sein direkter Ersatz bis zur Wiedererrichtung des Tempel beim Erscheinen des Messias).
Dieses strenge Einhalten der Torah muss so ernst genommen werden, da es der geoffenbarte göttliche Wille ist. Schließlich muss man sich jedoch fragen was Gott von einem erwartet, bevor man selbst Ansprüche stellt. Gott geht es natürlich um die zwischenmenschlichen Beziehungen und die Torah bestimmt, was man dazu tun muss. Es geht um die Lebensweise der Menschen, wobei Nicht - Juden andere Aufgaben haben, also nicht verpflichtet sind nach der Torah zu leben. Für sie gelten die sog. noachidischen Gebote, die Gebote die auch Noah einhielt, der als einziger vor der Sintflut gerettet wurde, obwohl er kein Jude war (damals existierte das Judentum noch gar nicht).

3. Haben wir es hier immer noch mit einem Judentum zu tun, oder sind dies zwei "Judentümer"?

So etwas wie zwei "Judentümer" gibt es nicht. Wenn ich Punkt 1 und 2 vergleiche, sehe ich zwei verschiedene Strömungen einer Religion.
Historisch betrachtet ist das Reformjudentum eine Folge der Aufklärung. Es erschien vielen Menschen als eine Art "Zurückkehren zu den Wurzeln". Andere sahen es als eine Alternative zur Säkularisierung und zur Assimilation, also einen besseren Weg denn die Religion völlig aufzugeben.
Punkt 2 zeigt, warum das traditionelle Judentum das reformierte als eine Entfernung vom Judentum betrachtet, aber man muss sich doch fragen, inwiefern das traditionelle Judentum, oder irgendeine andere Strömung, überhaupt das einzig "wahre" sein kann. Eins ist klar, Gott ist beiden, traditionellem und liberalem Judentum, Wahrheit. Das Reformjudentum leugnet ihn nicht, zumal es so heterogen ist, dass man eigentlich nicht sagen kann, es erhebe generell keinen Anspruch auf Israel (Beispiel), das kann man natürlich nicht pauschalisieren. Genauso ist aber auch das traditionelle Judentum heterogen. - Tatsache ist, dass es sich in beiden Strömungen alles begründen lässt, also beide (sowie alle anderen Religionen) gar keinen allgemein gültigen Wahrheitsanspruch erheben können. Glauben ist nicht Wissen.
Über vieles ließe sich streiten. Ein Beispiel: In manchen Reformsynagogen können auch Frauen einen Tallit5 tragen. Orthodoxe, bzw. Traditionelle sehen dies als Bruch mit der Tradition. Der Tallit ist Männerkleidung, es ist also nicht der Aufgabe der Frau einen zu tragen (siehe Punkt 2). Aber wo steht das? In der Torah steht nicht, dass der Tallit Männerkleidung ist, das ist eine Tradition, die sich entwickelt hat, z.B. trugen auch schon Raschis6 Töchter Tallit. - Dies ist nur ein Punkt, über den man sich streiten könnte. Statt dessen sollte man sich jedoch besser fragen, was ein solcher Streit eigentlich bringt...

Nachtrag:

In der Orthodoxie unterscheidet man heute im Allgemeinen:

Orthodox - unterstützten seit der Shoa (Holocaust) den Zionismus und sehen den Staat Israel als eine Eigeninitiative der Juden, sozusagen als Ansatz zur Lösung.

Ultra orthodox - sehen den Staat Israel als eine Übergangslösung und als Zuflucht aus dem Exil.

Radikal ultra orthodox - lehnen den Staat Israel völlig ab.

Im nicht orthodoxen Judentum unterscheidet man heute im Allgemeinen:

Reformjudentum oder liberales Judentum - siehe oben!

Konservatives Judentum - rituelle Gebote gelten als bindend (im Gegensatz zum liberalen Judentum), sollen aber der modernen Welt entsprechen und sich in ihr weiterentwickeln.

Rekonstuktionismus (Judentum als Zivilisationsmodell) - von Mordechai Kaplan in den 20er Jahren des 20sten Jahrhunderts in den USA gegründete Bewegung die als Ergänzung des konservativen Judentum dienen soll. Das Judentum wird als "sich weiterentwickelnde religiöse Zivilisation" gesehen.

Jewish Renewal - in den USA entstandene Bewegung die eine spirituelle Verbindung zu Gott sucht, wobei auch auf Meditation zurückgegriffen wird. Sie versuchen die Vorteile aller Strömungen aufzugreifen.


Begriffserklärung:

Zitat:1TorahTorah (Lehre) - schriftliche Torah (sieh auch Talmud), Hebräische Bibel, umfasst die 5 Bücher Moses

2ShabbatShabbat - der Ruhetag zum Gedenken an die Schöpfung, 7ter Tag der Woche

3KashrutKashrut - Speisegesetze

4TalmudTalmud (Lernen) - mündliche Torah, Auslegung der Torah, erklärt und diskutiert wie man bestimmte Gebote halten soll

5TallitTallit: viereckiger Gebetsmantel mit Schaufäden an den Ecken (nach 4. B. Moses 15;37-41)

6RaschiRaschi - bedeutender Bibel - und Talmud - Kommentator (11./12. Jahrhundert)

D. Jacobs, 2003
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#2
(24-03-2009, 10:33)ExAdmin schrieb: Das Reform- oder auch das liberale Judentum entstand im 19. Jahrhundert - zur Zeit der Aufklärung, oder vielmehr als Folge dessen - in Deutschland.

Die Einheit von Volk und Religion: Das Judentum wurde auf eine Konfession reduziert, da kein Anspruch mehr auf Erez Israel (das Land Israel) erhoben wurde (siehe Punkt 2).

Die Torah - Gebote mit einem ethischen Hintergrund wurden in den Vordergrund gestellt
Dagegen gelten die ethischen Gebote als Ausdruck des göttlichen Willens verstanden und aus jenem Grund betont.

Es gelten also alle 613 Ge - und Verbote (sofern sie heute realisierbar sind) gleichermaßen, nicht so wie im Reformjudentum wo die ethischen im Vordergrund stehen.

Von der Vorstellung der Heimkehr wie von der Vorstellung der Wiedererrichtung des Tempels hat sich das Reformjudentum jedoch entfernt, eben weil es keinen solchen Anspruch auf das Land Israel erhebt.


Interessante Diskussion!

Entstand nicht eher die Aufklärung als Folge der Haskala ?

Gerade das liberale Reformjudentum, erkennbar an der westeuropäischen Kleidung, ist die Haupt-Triebfeder des Zionismus.
Da gibt es dutzende Beispiele von Theodor Herzl der sogar eine Mensur gefochten hat, über Adalbert Einstein, Simon Wiesenthal bis Mojsche Dajan (der einäugige General mit seiner feschen Krawatte) und Golda Meir

Meintest Du ethisch oder ethnisch ?


Nun ja, es gibt schon zwei Judentümer.
1.)  Das maternalistische Judentum (99 % der Juden) . . . "a jiddische Momme"
2.)  Das paternalistische Judentum - es war vor 2000 Jahren sehr mächtig, immerhin war es die hohe Tempelpriesterschaft; aber im Exil wurde es zu Sukkot des Jahres 1050 am Ölberg von Jerusalem mittels Fluchgebet (Cherem) aus dem Judentum ausgestoßen !  Muslimische Söldner mußten die beiden Streithähne trennen.
Vaterrechtliche Abstammung wie in der Antike
Dies wird vom (99 %) Mainstreamjudentum natürlich geleugnet.
Das paternalistische Judentum revanchierte sich und zettelte im Jahre 1242 die Talmudverbrennung von Paris an.
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