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Alte Kriegsschiffe der Vorderladerzeit
#1
Eine Frage beschäftigt mich schon seit langem, und ich fand noch keine Antwort in der Literatur

Nehmen wir als Beispiel unter vielen die berühmte Wasa
1628 gebaut, Dreimaster, hatte sie 48 schwere Kanonen (24-Pfünder)
Vasa (Schiff) - Wikipedia

Meine Frage ist nun die:

Waren diese 48 Kanonen so aufgeteilt, daß auf der Backbord Breitseite 24 standen und auf der Steuerbord Breitseite 24 standen ?

Daß somit nur 24 Kanonen pro Breitseite schießen können ?

Oder war es möglich, im Gefecht bei Bedarf die 24 Backbord Kanonen quer über das Schiffsinnere nach Steuerbord zu rollen, damit dort dann 48 Kanonen feuern können ??

Das wäre eine Verdoppelung der Feuerkraft

Ich weiß nicht, ob das üblich oder überhaupt möglich war.

Dagegen würde sprechen:
1.) Das Schiff bekäme durch die deutliche Verlagerung des Schwerpunkts Schlagseite (Kanonenrohre sind schwer)
Durch die Schieflage wäre es dann noch dazu sehr schwer, die Kanonen wieder nach Backbord zu bringen.
2.) Gab es eine Trennwand zwischen den Geschützräumen von Backbord und Steuerbord ?
3.) Im Kampfgeschehen konnte es vielleicht vorkommen, daß ein feindliches Schiff Backbord auftaucht und dann wären keine Kanonen zu dessen Bekämpfung vorhanden; aber dieser Gefahr hätte man begegnen können, daß man nicht sämtliche 24 Backbordkanonen nach Steuerbord bringt, sondern vielleicht nur 16 und 8 zur Sicherheit dort beläßt wo sie sind . . .

In der historischen Literatur wird immer nur die Gesamtzahl der Kanonen angegeben (die HMS Discovery von 1789 hatte 10 Kanonen), aber nirgends steht die Hauptsache, ob da bei einer Breitseite mit 10 oder nur 5 Kanonen geschossen wurde !
Ich fand ein Bild dieses Schiffes hier: HMS Discovery (1789) - Wikipedia
Man sieht 10 Kanonenluken ("Stückpforten") auf der abgebildeten Breitseite (Backbord) und liest: 10 Kanonen (Vier-Pfünder)

Das war zwar ein Kriegsschiff (Royal Navy), aber es hatte den Auftrag der Erkundung der kanadischen Pazifikküste - und war daher nur mit leichten Kanonenrohren (Vier-Pfünder) zur Abwehr von Piraten und Eingeborenen bewaffnet. Da war es leicht möglich, diese leichten Kanonen quer über das Schiffsinnere zu rollen

Die HMS Discovery hatte keine schweren Kanonen an Bord

Aber wie war es bei den typischen Kriegsschiffen mit schweren Kanonen wie sie zu Seegefechten (Trafalgar) verwendet wurden ??

Militärhistorisch ist das immerhin doch sehr interessant zu wissen ob eine "Breitseite" beispielsweise 60 oder nur 30 Schüsse hatte

Vielleicht weiß ein Leser mehr
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#2
Ein Linienschiff der Segelschiffära konnte bis zu 100 Kanonen führen. So führte HMS Victory 
  • 2 × 68-Pfünder Karronaden

  • 30 × 32-Pfünder

  • 28 × 24-Pfünder

  • 44 × 12-Pfünder
Bei einer Breitseite kam die Hälfte dieser Geschütze zum Tragen. Vor allem die 32Pfünder, aber auch die 24Pfünder waren viel zu schwer, um sie von einer Seite zur anderen zu bewegen. Das wurde erst durch Pivot Geschütze aud Vor- und Achterdeck und letztlich durch den Drehturm ermöglicht.
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#3
(18-06-2019, 19:30)Herodotus schrieb: Bei einer Breitseite kam die Hälfte dieser Geschütze zum Tragen. Vor allem die 32Pfünder, aber auch die 24Pfünder waren viel zu schwer, um sie von einer Seite zur anderen zu bewegen.


Hallo 'Herodotus' - Willkommen im Forum !
Und Danke für die zielführende Antwort. Genau in diese Richtung ging meine Frage

Somit konnten bei der von Dir genannten HMS Victory (dem berühmten Flaggschiff von Vizeadmiral Nelson in der Seeschlacht von Trafalgar) nur 15 x 32-Pfünder und nur 14 x 24-Pfünder (beim Heer sagte man Kartaunen dazu!), jedoch vielleicht alle 44 x 12-Pfünder bei einer Breitseite feuern

(Die beiden 2 × 68-Pfünder Karronaden für den Nahkampf waren mit einer relativ schwachen Pulverladung geladen und waren mit den Kanonen nicht vergleichbar)

12-Pfünder waren übrigens keine schwachen Geschütze. Sie wurden in Festungen als Verteidigungskanonen eingesetzt und hatten mit Kartätschen bis 700 Schritt verheerende Wirkung. (Das waren 700 x 0,75 = 525 Meter)
Bei Seegefechten machte man damit bis 500 Meter verheerende "Deckfeger" oder schoß auf die Takelage um sie zu zerfetzen und das feindliche Segelschiff manövrierunfähig zu machen (durch die großflächige Takelage waren wohl wirkungsvolle Kartätschschüsse bis 600 Meter möglich.

Dann konnten die Briten ihr berühmtes Manöver "Crossing the T" machen und das feindliche Schiff versenken

So eine 12-Pfund Kartätsche war ein Schrotschuß von 1200 Bleikugeln in 9 mm

Wenn da nur 10 x 12-Pfünder schossen, so kam ein "Hagel" von 12.000 Bleikugeln in 9 mm !

Harmlose Spielzeugschiffe waren das wohl nicht.

In Trafalgar maßen sich die beiden aggressivsten Seemächte der Welt: Großbritannien und Grande Nation

--

24-Pfünder waren beim Heer die schweren Belagerungskanonen bzw. die schweren Festungskanonen
Schwere Ungetüme

32-Pfünder gab es meines Wissens beim Heer kaum (am Lande viel zu unbeweglich) und wurden daher nur für Schiffe verwendet. (Lediglich manche Küstenforts waren mit solchen Marinekanonen bestückt)

Sehr interessant das Imperial War Museum in London
Es ist einen Besuch wert, man muß aber einen ganzen Tag einkalkulieren

Interessant, daß die Royal Navy bis 1880 bei den Geschützen den Vorderlader beibehielt - die damaligen Hinterlader vertrugen nicht den enormen Druck der schweren Ladungen

--

Weißt Du übrigens etwas über die "Landungsgeschütze" ?
Kaliber in cm und wieviel Pfund Vorladung
Sie wurden verwendet wenn Truppen vom Kriegsschiff anlandeten

Eine Waffe der Kolonialmächte, überwiegend "Grande Nation" und "Great Britain"
Vermutlich waren das
2-Pfünder (5 cm) oder
3-Pfünder (7,5 cm) oder
4-Pfünder (8 cm)

So etwas wie leichte Feldgeschütze oder Gebirgsgeschütze, von denen jedes Linienschiff 2 oder 3 mitführte, um sie landenden Marineinfanteristen mitgeben zu können. Angeblich war auf jedem Linienschiff ein Zahl Marineinfanterie (damals Seesoldaten genannt), etwa 30 bis 50 Mann um die Matrosen in Schach zu halten (eine Vorkehrung gegen Meuterei) - und diese Seesoldaten konnten bei Bedarf an den Küsten von Kolonialgebieten mittels Rettungsbooten (die man aber "Beiboote" nannte) abgesetzt werden. Vom Mutterschiff mit der schweren Artillerie unterstützt (schon 10 x 32-Pfünder erzeugten einen "Hagel" von 34.000 Bleikugeln in 9 mm !) führten sie auf den Beibooten aber "Landungsgeschütze" mit, leichte Kanonen, die sie dann im Mannschaftszug mittels Seilen ins Landesinnere schleppen konnten

Ich habe noch keine Literatur darüber gefunden

Die große Segelschiff Ära begann in Lepanto und mit der Armada - und endete mit dem schraubengetriebenen Dampfschiff nach 1866
1866 hatten die Österreicher in Lissa schwere Segelschiffe mit Dampfantrieb: großer Rauchfang zwischen den Segelmasten und Schiffschraube
Die Dampfmaschine von SMS Kaiser hatte immerhin die Kraft von 2000 Pferden !

Aber noch in Tsushima 1905 hatten russische und japanische Kriegsschiffe neben dem Dampantrieb Segelmasten - denn Winde auf hoher See waren stark und konnten oft zur Erhöhung der Geschwindigkeit oder zur Einsparung von Kohle verwendet werden, weil die Dampmaschine nur "Halbe Kraft voraus" arbeiten mußte

Wirklich interessant diese Entwicklung der Kriegsschiffe zwischen 1865 (erste Hinterlader) und 1910 (Ende der Hilfssegel auf Dampfschiffen)

Man sagt, daß sich ein Matrose aus der Zeit von Lepanto 1571 oder der Armada 1588 auf einem Kriegsschiff von 1850 bestens zurechtgefunden hätte - da änderte sich Jahrhunderte lang nichts - aber auf einem Kriegsschiff von 1885 hätte er sich überhaupt nicht zurechtgefunden

In den zwei Jahrzehnten von 1865 bis 1885 hatte sich die Technik der Kriegsschiffe (Dampfantrieb und Verdrängung der Segel, Wechsel vom Holzrumpf zum Stahlrumpf, allmähliche Einführung von Hinterladergeschützen) revolutioniert

Der "Sailor" blieb nur mehr dem Namen nach ein Sailor

Ein Schiffsoffizier der Alten Schule, der 1860 als 15-jähriger Seekadett die Marine von der Pike auf erlernte, war 1885 erst 40 Jahre alt- und konnte seinen Beruf an den Nagel hängen

Er war als Schiffsoffizier unbrauchbar und wurde dann als Lehrer an einem Gymnasium oder als Polizeioffizier verwendet
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#4
Was ich zu den Waffen weiß, die bei Bootslandungen Verwendung fanden, so waren es teilweise sogar 6Pfünder. Vor allem aber die allseits beliebte "Drehbasse", ein recht handlicher 2Pfünder, der zumeist mit Schrot geladen wurde. Das war mitunter wirklich Schrott. Später dann gab es ja schon fertige Kartätschen.
Ja, als der Schraubenantrieb aufkam und die Hinterlader, da mag mancher Mariner gedacht haben, die Welt geht unter. Aber sie dreht sich immer weiter, auch heute noch und wir bestaunen die Relikte alter Zeit.
Freilich weiß ich nicht, ob ich versessen gewesen wäre, damals zu leben und das Leben und Überleben bei der Navy zu wagen.
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