Themabewertung:
  • 0 Bewertung(en) - 0 im Durchschnitt
  • 1
  • 2
  • 3
  • 4
  • 5
Meine Glaubensentwicklung
#1
Hallo,

in einem anderen Thread in diesem Forum stellte Polski eine interessante Frage (#23), nämlich, warum Zahira konvertiert sei. Das ist ein Thema, das mich auch sehr interessiert, und vielleicht könnte man ja hier in diesem Thread mal berichten, wann und von welcher Religion/Konfession zur welcher Religion/Konfession man konvertiert ist. Wäre schön, wenn das auf eine freundliche und einfach nur informierende Weise geschähe...

Lieben Gruss

DE
Zitieren
#2
Technischer Hinweis:
Es gab einmal ein Thema "Mein Glaube" mit über 20000 Ansichten. Leider ist der Thread zu einem "ungültigen Forum" mutiert - also leider nicht mehr greifbar.

Moderativer Hinweis:
Ich möchte den Thread gerne umbenennen in "Meine Glaubensentwicklung"; es mag derzeit um Zahira gehen. Aber das ist mir zu sehr persönlich.
Mit freundlichen Grüßen
Ekkard
Zitieren
#3
Oh, das sollte aber nicht nur in Bezug auf Zahira sein, Ekkard. Ich werde mich mit meinem Weg hier sicherlich auch noch melden, aber heute abend fehlt mir die Zeit (wird ein längerer Text Icon_wink) Mich interessiert das generell, also, weshalb man einen einmal gewählten/hineingeborenen Weg verlässt, um einen anderen zu gehen. Wenn Du meinst, dass ein anderer Thementitel günstiger sei: Nur zu!

Gruss

DE
Zitieren
#4
Zitat:Ich möchte den Thread gerne umbenennen in "Meine Glaubensentwicklung"; es mag derzeit um Zahira gehen. Aber das ist mir zu sehr persönlich.
Ist nicht so abstrakt... Finde ich gut!

Gruß
Zitieren
#5
Moderativer Hinweis:
Ich habe euren Wünschen und meiner Empfehlung Rechnung getragen. Bitte beim "Antworten" den Betreff entsprechend ändern (oder einen angepassten Betreff wählen).
Mit freundlichen Grüßen
Ekkard
Zitieren
#6
Ich hab die PN zwar schon geschickt, aber ich kopier sie hier rein.
Petronius, Romero, Humanist und Co, mich interessiert auch die Entwicklung weg vom Glauben.

Katholisch getauft und streng katholisch erzogen.
Vieles vom christlichen Glaubensverständnis ist mir trotzdem immer fremd geblieben.

Das Gebot.: Du sollst keine anderen Götter neben mir haben, aber Jesus wird mal als Gott, mal als Gottes Sohn angebetet, Maria wird genauso angebetet und um Hilfe gebeten wir Gott und Jesus.
Jesus ist für unsere Sünden gestorben. Was für Sünden hab ich begangen dass Jesus dafür gekreuzigt wurde? Und dadurch dass Jesus für meine Sünden gestorben ist kann ich jetzt sündig leben?
Keiner hat es geschafft meine Zweifel zu beseitigen. Auch die Bibel nicht, die mich immer mehr erschreckt hat als Halt gegeben hat. Außer Hiob hat mich nichts angesprochen. So viel Tod, ob durch Krieg oder Sintflut.
Mit 18-20 war ich überzeugte "Es gibt da zwar was das irgendwie im Hintergrund wirkt, aber was das jetzt genau mit mir zu tun hat?" Dann hab ich längere Zeit überhaupt nicht mehr an Gott oder Religion gedacht.

Als ich schwanger war hat mich das Wunder des wachsenden Lebens dazu gebracht mich wieder mit Gott zu beschäftigen. Der christliche Glaube war wieder nicht hilfreich für mich, ich hab keinen Zugang gefunden.

15 Jahre später hab ich die Tänze des universellen Friedens kennengelernt. Kreistänze und Gesänge/Mantren aus allen Religionen. Das hat mein Herz berührt. Gott zu spüren durch alle Religionen gleich. Da hab ich mich wohl gefühlt.
Bei der Ausbildung die ich bei den Friedenstänzen später gemacht hab wurden alle Religionen gelehrt. Die Worte, die Schwingung des Islam haben mich ganz tief in meinem Herzen berührt.
Die 99 schönsten Namen Gottes und Zikr (Erinnerung an Gott mit bestimmten Bewegungen und den Worten "La Illaha Il Allah- Es gibt nichts außer der göttlichen Einheit"). Meine Seele und mein Herz haben auf diese Worte, die Melodien reagiert, haben Liebe gefühlt, mein Herz hat sich geöffnet, es entstand tatsächlich eine Verbindung zu der Kraft die Gott ist.
Deshalb bin ich in die Moschee hier bei mir in der Nähe, weil ich mehr über den Islam wissen wollte. Getroffen hab ich beim "Tee in der Moschee" ,den es jeden ersten Samstag im Monat gab, einen türkischen Hodscha der relativ gut Deutsch sprach und bereit war mir alle meine Fragen zu beantworten. Ich war über ein Jahr regelmäßig bei Ihm in der Moschee. Er hat mir Bücher besorgt, mir geduldig meine Fragen beantwortet, wir haben über alle Propheten, auch über Buddha, Krishna und die Zarathustra, über alle Religionen gesprochen. Er war sehr weltoffen und gebildet, leider musste er dann wieder in die Türkei zurück, die Hodschas sind ja immer nur für 4 Jahre hier, aber die Gespräche mit Ihm haben mir das eigentliche Wesen des Islam Nahe gebracht. Er hat auch immer Gesagt, dass jeder Mensch seine eigene Verbindung zu Gott finden muss und dass die Religionen verschiedenen Wege sind, da es ja so viele verschiedenen Menschen gibt und dass es wichtig ist, sich mit allen Religionen zu beschäftigen, weil man dann merkt dass sie alle das selbe Ziel haben, den Menschen näher zu Gott zu bringen, und weil man sich dann die Religion aussuchen kann die einem selbst am besten dabei hilft.

Ich fühle mich im Herzen als Muslima. Die Hingabe, die direkte Verbindung über mein Herz zu Gott, nicht über einen Vermittler, das ist es was ich an meinem Glauben schätze. Die direkte Verbindung zur Einheit mit allem was ich bin und wie ich bin, egal wie unreif ich bin. Die Hilfe im realen Alltag durch die Wazaif, die 99 schönsten Namen Gottes, von denen jeder für eine göttliche Qualität steht (Sabur-Geduld, Hayy- Lebenskraft, Rauf-Heilung, usw.)
Über die Tänze bin ich auch auf den Sufiweg in der Linie von Hazrat Innayat Khan gekommen. Hier hab ich zB gelernt, dass man durch das rezitieren der Wazaif die jeweilige Qualität in sich stärken kann, das hilft sehr im realen Alltag geduldig, stark, voll Liebe und Mitgefühl zu agieren und zu reagieren. Oder auch eine ander Qualität die man grade braucht stärken. Sind alles nur Beispiele.

Abschließend noch ein für mich ganz wichtiger Satz von Hazrat Innayat Khan der es trifft wo ich gerade stehe in meinem Glauben:
"Die Zeit ist reif dafür, daß die Menschheit gemeinsam betet, daß sie sich über die Trennungen und Unterscheidungen erhebt und sich gemeinsam vor Gott verneigt und vor den von Gott gesandten Lehrern, Propheten und Meistern, die zu verschiedenen Zeiten auf der Erde gelebt und der Menschheit gedient haben."
Kürzer ging es leider nicht.
As Salamu Aleikhum
Zitieren
#7
Herzlichen Dank, liebe Zahira. Ich möchte inhaltlich nicht darauf eingehen, sondern das einfach mal auf mich wirken lassen. Mal sehen, was draus wird, evtl. habe ich dann später noch Nachfragen, wenn das okay ist.

Lieben Gruss

DE
Zitieren
#8
(01-11-2010, 20:54)zahira schrieb: Petronius, Romero, Humanist und Co, mich interessiert auch die Entwicklung weg vom Glauben

das will ich gerne noch mal ausführen

evangelisch getauft und konfirmiert, hat der glaube in meiner familie keine besondere rolle gespielt. was vermutlich auch an der demütigung lag, die mein vater als katholik anläßlich der mißbilligung dieser "mischehe" seitens der rkk erfahren hat. verständlicherweise war seine haltung zu religions- und kirchendingen eine insoweit distanzierte, als er solches nicht thematisierte

wie auch meine mutter hatte ich keine innigere beziehung zum evangelischen glauben als, jedenfalls von mir nur als ritual empfundene, halbwegs regelmäßige kirchenbesuche. als ich diese nicht mehr wollte, und auch den schulischen religionsunterricht nicht mehr wahrnehmen wollte (beides, in der nachschau, sicher eher aus allgemein pubertärer auflehnung zum zwecke der selbstfindung als aufgrund reflektierter glaubensentscheidung), wurde das ohne weiteres akzeptiert. ich durfte sehr früh erfahren, daß meine eltern mir viel an entscheidungsfreiheit zutrauten - wofür ich ihnen sehr dankbar bin. ich kenne zur genüge menschen, die unter strenger und bevormundender erziehung gelitten haben und das teilweise noch als erwachsene tun

die formale (protest)distanz zu den organisationsformen des glaubens hat mich aber nicht daran gehindert, zur freizeitgestaltung auf kirchennahe angebote zurückzugreifen. und möchte auch aus heutiger sicht diese erfahrungen mit christlicher jugendarbeit nicht missen, angefangen bei der lagerfeuerromantik und endend bei jenem glauben wollen, welches das inspirierende beispiel anderer, die ihre persönliche beziehung zu jesus reklamierten, mir vermittelte

ja, diese jesus-sache: ich hatte auch meinen intellektuellen spaß an bibelarbeit, nein - es befriedigte mich in meinem bedürfnis nach diskursiver betrachtung eines themas. aber dahinter stand doch die faszination von der vorstellung, da wäre einer, der die sache überblickt, ordnung in das chaos des (wieder in der nachschau: vor allem des pubertierenden) menschen bringt. der sich eines annimmt, der die dinge wieder ins lot bringt, leitung bietet. und dem man sich diesbezüglich jederzeit anvertrauen kann

eine schöne vorstellung, und ich hatte ja das lebendige zeugnis vor augen: freunde, die begeistert von ihrer beziehung mit freund jesus berichteten. nur bei mir wollte die sich einfach nicht einstellen. alles beten oder einfach nach gott hören bescherte mir nie das gefühl, da wäre tatsächlich einer am anderen ende der leitung. ich habe nie den hauch eines jesus, gott, wie auch immer man dieses "etwas"nennen will, wahrgenommen

ich hatte also zwei möglichkeiten: weiter so tun als ob ("ok, da teilt sich mir zwar nichts mit, aber trotzdem vertraue ich, daß es da ist"), oder die sache rational betrachten. und das hieß: wofür es keine indizien gibt, sollte nicht als plausible erklärung herangezogen werden. das postulat eines gottes erklärt nichts, was nicht auch anderweitig erklärt werden könnte. die welt, das leben, funktioniert auch ohne ein solches postulat. sodaß es (heute verweise ich auf ockhams messer, damals kannte ich dieses noch nicht) richtig ist, auf ein solches postulat zu verzichten

anders gesagt: rein rational erschließt sich mir die existenz eines höheren wesens nicht. es ist eine redundante annahme. die überzeugung von seiner existenz müßte über die empfindung laufen und läßt sich nicht herbei argumentieren

Zitat:Jesus ist für unsere Sünden gestorben. Was für Sünden hab ich begangen dass Jesus dafür gekreuzigt wurde? Und dadurch dass Jesus für meine Sünden gestorben ist kann ich jetzt sündig leben?
Keiner hat es geschafft meine Zweifel zu beseitigen

diese inkonsistenzen konnte ich auch nie auflösen. sie spielten aber in meiner glaubenswelt auch keine besondere rolle, mit diesem ganzen schuld- und erlösungsgedanken wurde ich nie eindrücklich konfrontiert
einen gott, den es gibt, gibt es nicht (bonhoeffer)
einen gott, den es nicht gibt, braucht es nicht (petronius)
Zitieren
#9
Ich bin "überwiegend römisch-katholisch" aufgewachsen.

Meine Mutter war Atheistin, mein Vater liberaler Katholik.

Meine Grosseltern (2 Grossmütter, 2 Grossväter) waren alle vier "anders": die eine "streng katholisch", ihr Mann lutherisch, der andere atheistisch und seine Frau russisch-orthodox. Oh, ja, das war eine Mixtur...

Als Kind habe ich alles geglaubt, was die Kirche so lehrte. Aber in der beginnenden Pubertät wurde das alles mehr und mehr infrage gestellt (wie halt alles...), aber gut aufgefangen durch einen Pastor, der sich für das II. Vaticanum und seine Veränderungen begeisterte, also heute wohl als "linksliberal" gelten würde. Dieser Mann hatte neben der streng-katholischen Oma grossen Einfluss auf mein religiöses Denken und Fühlen, und ich denke, diesen beiden waren auch der "Anlass", dass ich mir mit ca. 14 überlegte, katholische Theologie zu studieren und Priester (bzw. genauer: Mönch) zu werden. Meine Mutter "schluckte" diesen Wunsch, wenn auch nicht begeistert; mein Vater dachte, ich sei nun endgültig übergeschnappt... Icon_wink

Allerdings lernte ich mit 18 meine spätere Freundin kennen, und da spürte ich dann mehr und mehr, dass ich nicht zölibatär leben wollte. Das änderte aber nichts an meinem "links-liberalen" Katholizismus. Wo ich damals "kirchlich" ungefähr stand, kann man daran ersehen, dass Heinrich Böll und Luise Rinser damals meine Vorbilder waren, auch und vor allem in ihrem kritischen Katholizismus.

Nach Beginn meiner Ausbildung wurde das allerdings immer mehr infrage gestellt. Wodurch das geschah, kann ich nicht exakt formulieren, es war ein schleichender Prozess, der wohl vor allem damit zu tun hatte, dass ich aus einem sehr behüteten, dörflichen Elternhaus in eine 100 km entfernte Grossstadt kam und mir dort einen Freundeskreis schuf, der fast ausschliesslich aus kritischen Studenten, Alt-68ern (damals noch "Fast-Neu-68er") und Kirchenkritikern bestand. Ich glaube, wenn ich damals einen Freundeskreis gehabt hätte, wie ich ihn in meiner Jugend in meinem Dorf gehabt hatte (durchaus kritisch, aber kirchlich orientiert), wäre ich einen anderen Weg gegangen.

Kurz und gut, ich begann mehr und mehr auch am kritischen Katholizismus zu zweifeln, glaubte aber nach wie vor an Gott (im christlichen Sinne). Mit 25 Jahren trat ich aus der röm.-kath. Kirche aus, sah mich aber weiterhin als Christen. Aber je mehr ich lernte, diskutierte und "wusste" (Ausbildung, Studium, Diskussionen mit Freunden, Literaturlektüren), umso weniger konnte ich das alles glauben oder auch nur nachvollziehen. Meine Ratio machte da nicht mehr mit; Verstand, Vernunft, Intellekt etc. wurden immer wichtiger in meinem Denken und "Glauben" (oder Nichtglauben).

Seit ca. 1980 nannte ich mich Atheist, denn ich glaubte "an nichts" mehr, jedenfalls an nichts, das ich nicht sah, oder zumindest halbwegs erklären oder wenigstens irgendwie (und sei es nur halb-logisch) ableiten konnte.

Mitte der 80er Jahre starb ganz und gar unerwartet mein Vater, was mich wieder auf die "Suche nach etwas" brachte. Ich glaubte, das im Buddhismus zu finden, und ging diesen Weg 10 Jahre.

Mitte der 90er Jahre erkrankte ich selbst schwer, was eine Behinderung und Berentung nach sich zog, und seltsamerweise trennte mich diese persönliche Erfahrung wieder vom Buddhismus. Näheres möchte ich dazu hier nicht sagen, weil es sehr persönliche Dinge betrifft, die auch nicht so gut "anonymisieren" kann wie diesen Text hier.

Seitdem "suche" ich. Der Atheismus ist für mich keine Antwort auf diese Suche, obwohl ich mich selbst manchmal Agnostiker nenne. Meist aber nenne ich mich Pantheist, wobei "mein" Pantheismus eher ein suchender Pantheismus ist. Er ist meine vorläufige (!) Antwort auf meine Fragen und Suchen, die sich durchaus auch noch ändern kann.

Was und warum ich suche, kann ich noch nicht einmal genau sagen. Vielleicht Ruhe. Geistliche, innere Ruhe, die ich bisher nicht finden konnte. Möglicherweise hat das auch mit meiner atheistisch-multikonfessionellen Familie zu tun, ich konnte dort religiös keine Wurzeln schlagen, weil ich immer wieder von dem einen oder anderen auf andere Denk- und Glaubenswege mitgenommen worden bin. Und vielleicht ist das die Ursache meiner Suche?! Ich weiss es nicht. Ich weiss aber, dass atheistische Antworten mich genauso wenig zufriedenstellen wie konfessionell-religiöse Antworten.

Momentan vertiefe ich mich mit grosser Freude und Interesse in das Thema "Wüstenväter". An ihnen fasziniert mich das Unkonventionelle, das manchmal regelrecht Anarchistische, und auch die von mir jedenfalls so wahrgenommene Nähe zum (Zen-)Buddhismus (da gibt es etwas Ähnilches wie die Koanpraxis, es gibt einen zeitweiser (manchmal auch dauerhaften) Rückzug, vor allem auch diese wunderbare "absurde Logik", die ich aus dem Zen kenne usw.).

Gruss

DE
Zitieren
#10
Nachdem ich eine solche Zusammenfassung erst vor ein paar Wochen in
einem anderen Forum geschrieben habe, brauch' ich ja nur zu kopieren...
Ein wenig lang ist's halt :icon_wink:

Aufgewachsen bin ich in einem eher areligiösen Elternhaus; mein erster Kontakt
mit Religion war der Religionsunterricht, und eine 'Kirchentante', die öfters zu
Besuch kam und mit uns Kindern religiöse Gespräche führte. Das hat mich nun
manchmal interessiert, manchmal weniger; tiefe Eindrücke hat's jedenfalls nicht
hinterlassen. Die erste wirklich intensive Auseinandersetzung mit dem Thema
war für mich dann 'intellektueller Overkill' - ich war ungefähr neun, als ich mit
einem Älteren ins Gespräch kam - er muss Oberschüler oder Studienanfänger
gewesen sein, und er überschüttete mich mit allen Argumenten seines brachialen
Atheismus - für mich war das Alles völlig neu, ich konnte ihm in keinem Punkt
widersprechen, und doch fehlte mir etwas dabei - ich fing an, mich für andere
Religionen zu interessieren und sie zu vergleichen mit dem was ich gehört hatte.
Dabei bin ich erstmals auf den Buddhismus gestoßen, der mich faszinierte -
obwohl ich natürlich nur wenig davon tatsächlich verstand.
Als ich 13 war, kam ein neuer Religionslehrer, und er hat uns das Christentum
auf eine Art nahegebracht, die mich überzeugte; ich begann es mit anderen
Augen zu sehen, und es dauerte nicht lange, da war ich überzeugtes Mitglied
einer katholischen Jugendgruppe... Von damals sind mir zwei Dinge noch in
Erinnerung, von denen ich nicht erkannte dass sie zusammenhingen, und die
erst viele Jahre später wirksam wurden. Unser RL erwähnte einmal die
Mystiker; er erklärte nicht viel dazu, nur dass sie irgendwie ein persönliches
Verhältnis zu Gott hätten, so dass sie sozusagen nach dem Tod einfach durch
das Himmelstor 'reingehen könnten, dem Petrus zuwinken und dazu sagen:
"Hallo - ist der Chef da?" - mir war das völlig unverständlich. Ein oder zwei
Jahre später ging ich an einem windigen Tag spazieren, da blies mir ein
Windstoß einen Zettel an den Schuh, wo er hängen blieb. Ich entfernte ihn,
sah dass es ein Kalenderblatt war und drehte es um - da stand der Spruch
'Wer Gott liebt, der hat keine andere Religion als Gott. (Rumi)'. Das traf mich
wie ein Hammerschlag - irgendwie war mir das völlig überzeugend, auf der
anderen Seite wusste ich nicht, wie man das praktisch umsetzen könnte.
15 Jahre später war ich immer noch überzeugter Katholik, hörte an der Uni
theologische, naturwissenschaftliche und philosophische Vorlesungen, und
bei letzteren hörte ich erstmals von dem Gödelschen Unvollständigkeitssatz.
Der besagt, dass ein Gedankensystem entweder vollständig sein kann oder
widerspruchsfrei - nicht aber beides zugleich, dass ein System nicht innerhalb
seiner selbst beweisbar sein kann. Da erhob sich nun für mich die Frage, ob
ich an einem widerspruchsfreien, aber beschränkten Weltbild interessiert bin,
oder an einem unbeschränkten, das Widersprüche zulässt... Für mich war es
sonnenklar - ich wollte 'schrankenlose Erkenntnis' - ob die nun Widersprüche
enthielt oder nicht, war mir sch...egal. Dass das allein mit rationalem Denken
nicht funktionieren konnte, war mir klar - ich suchte also auf der 'spirituellen
Speisekarte', was da wohl für mich in Frage käme, und da stieß ich auf 'Zen' -
von dem ich nur mal gehört hatte, dass diese Leute jahrelang schweigend auf
dem Boden säßen, bis sie mal eine 'Erleuchtung' hätten - nicht gerade sehr
einladend, aber nachdem ich ein paar Bücher dazu gelesen hatte, dachte ich
bei mir, ich sollte das vielleicht einmal versuchen, es könnte mir evtl. besser
entsprechen als andere Wege. Meiner katholischen Überzeugung widersprach
das nicht - für mich war's ein Glücksfall, dass ein bekannter katholischer
Zen-Lehrer gerade in Deutschland zu Besuch war, der Jesuit H.M. Enomiya-
Lassalle. Es bot sich zufällig die Gelegenheit, an einem seiner Sesshin für
Fortgeschrittene teilzunehmen, einem strengen einwöchigen Meditations-
Retreat. Das ging bis an meine physischen und psychischen Grenzen, aber
die Sache hat mich nicht losgelassen - und einige Jahre später begegnete ich
meinem 'alten Lehrer' Prof. Hungerleider, dessen Zen einen etwas anderen
Schwerpunkt hatte - nicht mehr die japanische Strenge, die Lassalle vermittelt
hatte, sondern die chinesische Weitherzigkeit und eine Bejahung aller
religiösen Wege - da konnte ich nun mit Rumi und seinem 'Keine Religion
als Gott selbst' wieder anknüpfen. Mir wurde dann aber auch bald klar, dass
auch die herkömmlichen Religionen - ob Buddhismus, Christentum, Islam
oder was auch immer - 'Weltbilder' sind, Gedankensysteme, auf die der Satz
von Gödel anwendbar ist; die versuchen, Beweise aus dem zu Beweisenden
zu konstruieren - ein vergebliches Unterfangen, was aber wiederum nichts
aussagt über Wahrheit oder Unwahrheit ihrer jeweiligen Aussagen - nur dass
diese einander in vielen Punkten widersprechen... Gott sagt 'Du sollst dir kein
Bild machen noch irgendein Gleichnis' - aber ist es nicht so dass, wer 'Gott'
sagt, sich damit bereits ein Bild macht?
Ein japanischer Zenmeister hat mich einmal gefragt, ob ich wohl Christ sei,
Buddhist, Taoist oder was sonst. Ich habe ihm geantwortet: "Ich glaube, dass
es eine Wahrheit gibt. Wenn ich die durch eine rote Brille betrachte, sehe ich
eine rote Wahrheit; wenn ich eine grüne Brille verwende, sehe ich eine grüne.
Ich möchte aber lernen, diese Wahrheit ohne Brille zu sehen."
() qilin
Zitieren
#11
Meine Eltern glauben beide an Gott (evangelisch-reformiert), der Glaube dominierte jedoch nie das Leben in der Familie. Wir gingen nicht regelmässig in die Kirche, jedoch las uns Kindern unser Vater regelmässig aus der Kinderbibel vor. Mein Glaube an Gott war nicht besonders stark, weil ich mich nicht gross damit beschäftigte. Für mich war unterbewusst - aufgrund der Erziehung, bzw. des Umfelds - klar, dass da ein Gott ist.

Ich weiss nicht mehr warum, aber irgendwann in jugendlichen Jahren fing ich an, mich mit "Gott" und dem Christentum zu beschäftigen. Sagen wir, es war eine Selbstfindungsphase. Ich habe die Bibel in mehreren Ausgaben gelesen und habe mich immer wieder gefragt, ob ich das denn wirklich glauben kann, was da steht. In Gesprächen mit Gläubigen ausserhalb der Familie versuchte ich ihre Sichtweise zu erfahren. Allerdings macht das meiste nicht viel Sinn in meinen Augen. Schlicht gesagt, habe ich für mich selbst herausgefunden, dass ich nicht an Gott glaube. Ich fühle weder seine Gegenwart noch hätte ich je Kontakt mit ihm gehabt - auch wenn ich denselben durchaus gesucht habe. Ausserdem stören mich die zahlreichen Widersprüche in der Bibel, ganz zu schweigen von den vielen Konfessionen und anderen semitisch-monotheistischen Glaubensrichtungen. Jeder nimmt für sich die "Wahrheit" in Anspruch und jede "Wahrheit" ist abstruser als die andere. Das brauch ich nicht.
Mir fehlt nichts in meinem Leben, ich vermisse keinen Gottglauben.
Zitieren
#12
Zitat:'Wer Gott liebt, der hat keine andere Religion als Gott. (Rumi)'

Das spricht mich an, qilin. Danke...!

Gruss

DE
Zitieren
#13
Ich bin in einer religiös völlig desinteressierten "evangelischen" Umgebung aufgewachsen. Meine Mutter (Vater war noch im Krieg) wollte aber, dass ich am Religionsunterricht in der Schule teilnahm und konfirmiert wurde, also 2 Jahre zum Konfirmandenunterricht ging. Dadurch wurde ich zwar informiert - aber sonst war da nix.

Seltsamerweise wr ich aber an Religion interessiert und habe mir früh Gedanken gemacht - was dazu führte, dass ich mit etwa 15 J. zum ersten mal - meinem Religionslehrer in der Schule gegenüber - die Meinung vertreten habe, dass die Lehre von der Bestrafung durch Gott absurd sei, weil der freien Wille schließlich auch von Gott käme und wenn der nicht so funktionierte, wie Gott es wollte, es die Verantwortung Gottes sei. Die Bestrafung - ewige:icon_exclaim: Hölle - stand zu der Zeit noch sehr im Mittelpunkt der Lehre.

Das war sozusagen der Schlüssel. Von da an kam mir die christliche Lehre immer absurder vor - das Bild des Vatergottes wie das eines irrsinnigen Diktators. Ich habe mich dann schrittweise innerlich davon abgewendet und wollte irgendwann auch offiziell nichts mehr damit zu tun haben - bin also ausgetreten.

Zur Mystik bin ich dann rein zufällig gekommen und damit zu einer persönlichen Suche - die über die Jahrzehnte zu einem Agnostizismus geführt hat: ich weiß nicht, ob ich überhaupt etwas weiß und wenn ja - was von dem Wissen ist richtig Icon_smile

Damit habe ich mich abgefunden und auch damit, dass sich das wohl - zumindest vor meinem Tod - nicht mehr ändern wird.

Ich sehe mich wie einer von Abbot's Flachländern ( Flatland: A Romance of Many Dimensions (dt. Titel „Flächenland“,.wikipedia.org/wiki/Flatland ) ist eine 1884 von Edwin Abbott Abbott veröffentlichte Kurzgeschichte.) Im Unterschied zu den meisten von ihnen akzeptiere ich zwar, was die Kugel erzählt, kann es aber - genau wie der Rest - nicht verstehen :bduh:
Zitieren
#14
(02-11-2010, 14:34)agnostik schrieb: Ich sehe mich wie einer von Abbot's Flachländern ( Flatland: A Romance of Many Dimensions (dt. Titel „Flächenland“,.wikipedia.org/wiki/Flatland ) ist eine 1884 von Edwin Abbott Abbott veröffentlichte Kurzgeschichte.) Im Unterschied zu den meisten von ihnen akzeptiere ich zwar, was die Kugel erzählt, kann es aber - genau wie der Rest - nicht verstehen :bduh:

Oh, diese Erzählung liebe ich! Ich besitze die schöne (natürlich quadratische :icon_wink:) Ausgabe aus dem Klett-Verlag, eines meiner Lieblingsbücher...

Lieben Gruss

DE
Zitieren
#15
(02-11-2010, 14:54)Der-Einsiedler schrieb: Oh, diese Erzählung liebe ich! Ich besitze die schöne (natürlich quadratische :icon_wink:)

Gab es keine in Kugelform??? Icon_smile

(02-11-2010, 14:54)Der-Einsiedler schrieb: Ausgabe aus dem Klett-Verlag, eines meiner Lieblingsbücher...

Ja - sie war für mich das Aha-Erlebnis:icon_exclaim:
Zitieren


Möglicherweise verwandte Themen...
Thema Verfasser Antworten Ansichten Letzter Beitrag
  Ich bereue meine früheren Sünden (Götzendienst) Knecht-Allahs 18 1327 07-05-2018, 03:55
Letzter Beitrag: Artist
  Freimaurerei , meine Überlegungen: Adamea 10 2984 27-04-2017, 13:06
Letzter Beitrag: Sinai
  Integration Freiheit, die ich meine Klaro 7 3494 29-03-2014, 23:06
Letzter Beitrag: Ulan

Gehe zu:


Benutzer, die gerade dieses Thema anschauen: 1 Gast/Gäste