03-12-2007, 09:57
Mandingo schrieb:Die Erlösung, die ich (hier auch ganz persönlich) durch Jesus kommen sehe,
ist die Befreiung des Menschen aus den Fesseln von Kulten und religiösen Normen durch die bedingungslose Nächstenliebe, wie Jesus sie in seiner Bergpredigt (bzw. den Sprüchen in dieser Sammlung) lehrt und vorlebt.
Dazu ist es wichtig, dass er ganzer Mensch und keineswegs göttlich ist, denn dass ein Göttlicher das schafft, ist wohl nichts Besonderes und nichts für uns in der Nachfolge Erreichbares.
Gerade der Mensch Jesus ist da der Weg auch für uns zur Teilnahme an der Gerechtigkeit Gottes.
Moin,
Jesus predigt aber nicht nur Nächstenliebe:
"Er ist der einzige Weg"
"Er ist gekommen, das Schwert zu bringen"
Joh 8, 24:
24Darum habe ich euch gesagt, daß ihr sterben werdet in euren Sünden; denn cwenn ihr nicht glaubt, daß ich es bin, werdet ihr sterben in euren Sünden. 25Da fragten sie ihn: Wer bist du denn? Und Jesus sprach zu ihnen: Zuerst das, was ich euch auch sage. 26Ich habe viel von euch zu reden und zu richten.
Luk 8, 19:
19Es kamen aber seine Mutter und seine Brüder zu ihm und konnten wegen der Menge nicht zu ihm gelangen. 20Da wurde ihm gesagt: Deine Mutter und deine Brüder stehen draußen und wollen dich sehen. 21Er aber antwortete und sprach zu ihnen: Meine Mutter und meine Brüder sind diese, die Gottes Wort hören und tun.
usw usf.
Es gibt dutzende solcher Stellen. Jesus auf Nächstenliebe zu reduzieren, greift zu kutz. Nach Jesus Botschaft bin ich verloren, egal wie viel Nächstenliebe ich übe.
Zitat:Seine Anhänger haben auch mehr in diesem Rabbi gesehen als nur Weisheit.
Sie sahen seinen Weg als den des erwarteten Messias und setzten somit die von ihm gelebte Nächstenliebe an die Stelle der politischen Befreiung von der Macht der Römer oder anderer Ungläubiger.
Dann solltest Du Dich mal damit beschäftigen, was der Messias im Judentum ist. Jesus hat damit wenig zu tun. (hagalil.com gibt da einen guten Einstieg)
Zitat:Jesu vorurteilsfreie Ethik muss seinen Anhängern als Weg aus der Knechtschaft erschienen sein.
War sie vorurteilsfrei?
Die Pharisäer, die Vorgänger der heutigen Rabbiner wurden ziemlich pauschal von ihm angegriffen.
Zitat:Jesus muss sie als Person so überzeugt haben, dass sie seine Lehre ausbreiten konnten, wie es in der frühen Kirche dann der Fall war.
Seine Anhängerschaft war eigentlich eher gering. Die Ausbreitung kam durch Paulus.
Andere jüdische Messiase hatten eine ungleich höhere Anhängerschaft, teilweise nahezu das gesamte jüdische Volk.
Google mal nach Schabbatai Zwi. Vermeide dabei aber möglichst christliche Seiten.
Schabbatai Zwi schaffte es im 17. Jahrhundert n.d.Z., die meisten jüdischen gemeinden Europas davon zu überzeugen, dass er der Messias sei. Er endete allerdings höchst unrühmlich als konvertierter Moslem (die Alternative Tod , die er hätte wählen können, vermied er lieber). Das führte anschließend zu einer großen Krise des europäischen Judentums.
Zitat:In meiner Sicht ja,
denn die Beendigung des sog. Trinitarischen Streits durch den ungetauften Kaiser Konstantin ist doch wohl nichts, was uns heute verpflichten kann. Es gibt nun einmal keine biblische Trinitätslehre, sondern nur das Konstrukt der frühen Kirche.
Das sehen die meisten Christen anders. Auch hat Konstantin nicht die Trinität erfunden oder die Vergöttlichung Jesus. Er legte sie ldiglich als staatliches Dogma fest.
(wann er getauft wurde, ist übrigens historisch umstritten. Ich neige aber Deiner Auffassung zu, dass er zu Zeiten des Konzils kein Christ war)
Zitat:An die Stelle des Personalkults um Jesus von damals ist die Begeisterung für den Geist der Bergpredigt getreten (wenigstens bei kritischen Christologen von heute).
Eine Bergpredigt, die es nach Ansicht der selben Theologen nie gegeben hat sondern die ein literarisches Konstrukt ist. (weil sie z.B. nur in einem Evangelium auftaucht)
Wobei ich nichts gegen den Inhalt der Bergpredigt sagen will. Als Noachide sage ich da zu vielen 'ja', weil das urjüdisch ist.
Zitat:Flat schrieb:Sollte ich dann noch sagen, dass ich der christlichen Gemeinschaft angehöre, wo ich die wesentlichen Dogmen wie Trinität und ausschließlicher Erlösungsweg nicht teile?Ja, klar,
das hättest du wunderbar machen können,
denn wenn du Leute, die ein gemeinsames Credo sprechen, fragen würdest, was sie sich im Einzelnen unter den genannten Inhalten vorstellen, würdest du ein breites Spektrum genannt bekommen, einen Glaubenspluralismus, der von kritischer Entmythologisierung bis zur erzkonservativen Wörtlichnahme biblischer Inhalte zeugt. Dabei sprechen alle denselben Text.
Nein, das geht für mich nicht. Wenn die große Mehrheit einer Gemeinschaft etwas glaubt und tut, was meiner Überzeugung vollkommen entgegen steht (und das ist die Vergöttlichung Jesus, die Judenmissionierung, viele Ansichten über das Judentum (die falsche Auslegung von Pharisäer, von 'Auge für Auge', usw., Jesus als Messias) und in einer Tradition der Judenverfolgung steht (man nehme nur mal Luthers judenfeindliche Aussagen, es gibt aber auch einige brandaktuelle), dann kann ich nicht Mitglied sein.
Zitat:Und innerhalb der Bibel findest du einen Pluralismus, der über Widersprüche lässig hinweggeht (siehe z.B. Gerechtigkeit durch Glaube oder Werke).
Nein, hier stimme ich eher den evangelikalen Christen zu. Wenn man die Bibel genau liest, ist sie nicht pluralistisch. Ich habe das lange geprüft.
Zitat:So geht es mir auch, Jörg,
und ich kenne viele Leute, die vom Christentum überzeugt sind, aber nicht zu Jesus, sondern wie Jesus selbst zum himmlischen Vater beten.
Ja, ich weiß, dass das viele tun. Aber ist das noch christlich?
Zitat:Interessant ist dazu, was Pinchas Lapide in seinem Buch "Er predigte in ihren Synagogen" schreibt.
ich halte nicht viel von Lapide. Er ist mir zu christlich angehaucht und bricht mit vielen jüdischen Überzeugungen.
Wenn Dich mal eine Auseinandersetzung mit dem christlichen Glauben in Zusammenhang mit dem Judentum interessiert, würde ich Dir einen der bedeutensten jüdischen Theologen 'Leo Baeck' empfehlen.
In seinem Buch 'Das Wesen des Judentums' setzt er sich mit dem Verhältnis Judentum-Christentum auseinander. Es gab zu seiner Zeit ein übles christliches werk, was die jüdischen Religionsaussagen sehr verdreht hat. 'Das Wesen des Judentums' ist die Antwort darauf. Du wirst sehr über den Inhalt überrascht sein. Denn Baeck schlägt nicht mit gleicher Kerbe zurück. Er zeigt deutlich die Unterschiede, ohne das Christentum zu verurteilen.
Etwas, was man im Judentum häufig findet, trotz aller christlichen Angriffe.
Zitat:Flat schrieb:Da ich mich allerdings zum Juden nicht berufen fühle, bekenne ich mich heute zu dieser uralten Richtung von B'nei Noach, der Richtung für Nichtjuden (die dies auch bleiben wollen), die so Leben, wie es der jüdische Glaube (und damit G'tt) für Nichtjuden vorsieht.Das kann ich gut verstehen, Jörg,
ich vermute nur, dass auch viele Christen so leben, ohne es sich bewusst zu machen.
Ja, und diese Christen kann man mitunter durchaus als Noachiden ansehen. B'nei Noach ist ja keine Religionsgemeinschaft sondern die Bezeichnung für einen Lebensweg.
Ich kenne z.B. auch einen Noachiden, der bewusst Christ und Noachide ist. Ich kann das zwar nicht nachvollziehen, akzeptiere das aber.
Zitat:Kannst du noch ein wenig mehr darüber berichten. Welche Unterschiede gibt es denn für Nichtjuden im Vergleich zu Juden und Christen?
Nichtjuden müssen nach jüdischer Überzeugung 'nur' den 7 noachidischen Weisungen folgen. ('Nur' klingt so leicht). Juden müssen sich an 613 Weisungen halten. Die Juden nehmen diese Last stellvertretend für alle Menschen auf sich, weshalb wir eben nur 7 Weisungen haben.
Der Unterschied zu Christen liegt hauptsächlich in der ersten weisung, dass es nur einen G'tt gibt. Trinität geht nicht.
Dann (das ist aber nicht zwingend), fühlen sich viele Noachiden dem Judentum eng verbunden und nehmen viele Glaubensgrundsätze an. So z.B. das Verbot, eine neue Religionsgemeinschaft zu gründen (ein Verbot, dessen Weisheit sich mir immer mehr erschließt hinsichtlich B'nei Noach, wo wir uns genau damit derzeit auseinander setzen).
Das Christentum ist unzweifelhaft eine neue Religionsgemeinschaft.
Christliche Judenmission sehen Naochiden (und natürlich Juden) als Angriff auf das Judentum an. Denn Juden werden damit davon abgehalten, die Weisungen zu befolgen und ihnen wird ein falsches trinitarisches Gottesbild vermittelt.
Zitat:Dennoch glaube ich, dass noch mehr dahinter stecken muss als eine Missionsdrang des Paulus. Als Pragmatiker ist für mich der Erfolg der frühen Kirche auch ein Argument.
Mach Dir als Pragmatiker mal etwas anderes bewusst. Die Juden wurden in ihrer Geschichte über lange Zeiten, Jahrtausende, verfolgt. Von ziemlich mächtigen Gesellschaften, Regierungen und vielen Menschen. Unter denen sie größtenteils lebten.
Sie hatten über 2000 Jahre keinen Staat, sie waren unter fremden Völkern verstreut.
Sie waren der Vernichtung der Shoah ausgesetzt, der Missionierung, dem jahrhundertelangen Mord.
Und heute gibt es ein lebendiges Judentum, die Traditionen und der Glaube sind im Wesensgehalt vollkommen intakt.
Sie haben nicht überlebt, weil es so viele waren und weil sie so mächtig waren, sondern sie haben überlebt, obwohl es so wenige waren und obwohl sie nicht mächtig waren.
Was sagt das über den Wahrheitsgehalt der Religion aus? Wäre das ohne G'tt möglich gewesen?
Zitat:Schließlich kam der große Zulauf auch daher, dass soziale Unterschiede keine Rolle mehr spielten
Ein letzter Einschub: Da kennst Du Deine Bibel schlecht. Selbst Paulus erlaubte z.B. die Sklaverei.
Tschüss
Jörg

