Flat schrieb:Christ ist relativ klar definiert. Die Erlösung kommt durch Jesus und nur durch Jesus. Und das geht nur, wenn Jesus göttlich ist. Was er nach meiner Überzeugung nicht ist.Die Erlösung, die ich (hier auch ganz persönlich) durch Jesus kommen sehe,
ist die Befreiung des Menschen aus den Fesseln von Kulten und religiösen Normen durch die bedingungslose Nächstenliebe, wie Jesus sie in seiner Bergpredigt (bzw. den Sprüchen in dieser Sammlung) lehrt und vorlebt.
Dazu ist es wichtig, dass er ganzer Mensch und keineswegs göttlich ist, denn dass ein Göttlicher das schafft, ist wohl nichts Besonderes und nichts für uns in der Nachfolge Erreichbares.
Gerade der Mensch Jesus ist da der Weg auch für uns zur Teilnahme an der Gerechtigkeit Gottes.
Flat schrieb:Jesus als (sehr weiser) Rabbi reicht nicht aus, um daraus eine Religion wie das Christentum zu begründen.Seine Anhänger haben auch mehr in diesem Rabbi gesehen als nur Weisheit.
Sie sahen seinen Weg als den des erwarteten Messias und setzten somit die von ihm gelebte Nächstenliebe an die Stelle der politischen Befreiung von der Macht der Römer oder anderer Ungläubiger.
Jesu vorurteilsfreie Ethik muss seinen Anhängern als Weg aus der Knechtschaft erschienen sein.
Jesus muss sie als Person so überzeugt haben, dass sie seine Lehre ausbreiten konnten, wie es in der frühen Kirche dann der Fall war.
Flat schrieb:Ebenfalls ist völlig unstrittig, dass nahezu alle christlichen Lehrmeinungen von Jesus als G'tt ausgehen im Sinne der Trinität. Ich weiß, dass es liberale Auslegungen gibt, die dies nicht tun, aber ist das dann noch christlich?In meiner Sicht ja,
denn die Beendigung des sog. Trinitarischen Streits durch den ungetauften Kaiser Konstantin ist doch wohl nichts, was uns heute verpflichten kann. Es gibt nun einmal keine biblische Trinitätslehre, sondern nur das Konstrukt der frühen Kirche.
Außerdem sind die Fragen des 4. Jahrhunderts nach der "Substanz" Jesu wohl doch nicht unsere Fragen von heute. An die Stelle des Personalkults um Jesus von damals ist die Begeisterung für den Geist der Bergpredigt getreten (wenigstens bei kritischen Christologen von heute).
Flat schrieb:Sollte ich dann noch sagen, dass ich der christlichen Gemeinschaft angehöre, wo ich die wesentlichen Dogmen wie Trinität und ausschließlicher Erlösungsweg nicht teile?Ja, klar,
das hättest du wunderbar machen können,
denn wenn du Leute, die ein gemeinsames Credo sprechen, fragen würdest, was sie sich im Einzelnen unter den genannten Inhalten vorstellen, würdest du ein breites Spektrum genannt bekommen, einen Glaubenspluralismus, der von kritischer Entmythologisierung bis zur erzkonservativen Wörtlichnahme biblischer Inhalte zeugt. Dabei sprechen alle denselben Text.
Umfragen haben das sehr deutlich gemacht.
Und innerhalb der Bibel findest du einen Pluralismus, der über Widersprüche lässig hinweggeht (siehe z.B. Gerechtigkeit durch Glaube oder Werke).
Flat schrieb:Ich konnte nicht mehr mit anderen Christen in der Kirche zu Jesus beten. Ich konnte nicht einen Menschen anbeten.So geht es mir auch, Jörg,
und ich kenne viele Leute, die vom Christentum überzeugt sind, aber nicht zu Jesus, sondern wie Jesus selbst zum himmlischen Vater beten.
Flat schrieb:Ich konnte nicht mehr Wundergeschichten hören, an die ich nicht glaubte.Ich kann das alles sehr gut verstehen, Jörg,
aber wenn du erkennst, dass die Interpretation der Wunderlegenden im Geiste der Nächstenliebe mehr für uns heute und unsere Ethik aussagt als alle Wörtlichnahme, dann bringen uns die Symbole und Motive der Legenden wunderbare Wahrheiten nahe.
Flat schrieb:Mir wurde klar, dass sich mein Glauben an G'tt, mein strenger Monotheismus, mein Glauben an die Liebe, an Ehrlichkeit und Fairness, das dieser Glaube jüdisch war. Das es dazu keiner neue Religion bedarf.Auch da werden dir so wie ich viele Christen zustimmen,
Jesus war Jude. Und er ist als Jude vollständig erklärbar.
denn Jesus war nun einmal überzeugter Jude und wollte ja keine neue Religion, sondern im Gegenteil, dass "kein Jota vom jüdischen Gesetz verändert wird." Interessant ist dazu, was Pinchas Lapide in seinem Buch "Er predigte in ihren Synagogen" schreibt.
Flat schrieb:Da ich mich allerdings zum Juden nicht berufen fühle, bekenne ich mich heute zu dieser uralten Richtung von B'nei Noach, der Richtung für Nichtjuden (die dies auch bleiben wollen), die so Leben, wie es der jüdische Glaube (und damit G'tt) für Nichtjuden vorsieht.Das kann ich gut verstehen, Jörg,
ich vermute nur, dass auch viele Christen so leben, ohne es sich bewusst zu machen. Kannst du noch ein wenig mehr darüber berichten. Welche Unterschiede gibt es denn für Nichtjuden im Vergleich zu Juden und Christen?
Flat schrieb:Denn Jesus war Jude und als Jude wusste er, dass es verboten ist, eine neue Religion zu gründen. Er tat dies auch nie. Das geht auf Paulus zurück.Da stimme ich dir voll zu,
so wie es viele Theologen heute auch tun.
Dennoch glaube ich, dass noch mehr dahinter stecken muss als eine Missionsdrang des Paulus. Als Pragmatiker ist für mich der Erfolg der frühen Kirche auch ein Argument. Schließlich kam der große Zulauf auch daher, dass soziale Unterschiede keine Rolle mehr spielten, sondern alle nicht nur ideell vor Gott, sondern schon im sozialen Leben der Gemeinden gleich waren. Dass später machtpolitische Kräfte eine Rolle spielten und viel verdorben haben, ist mir auch klar.
"Tradition ist die Weitergabe des Feuers, nicht die Anbetung der Asche!" (Gustav Mahler nach Thomas Morus)


