13-02-2022, 03:17
(12-02-2022, 10:33)Ulan schrieb:Aus historischer Sicht betrachte ich Luthers sola gratia, also die Abschaffung der Werkgerechtigkeit, als Fortschritt gegenüber dem vorherigen Zustand. Exegetisch hatte er zwar Unrecht, denn im NT wird durchaus Werkgerechtigkeit propagiert, aber Luther hat hier, gegen die im Bibeltext fundierte Tradition, einen eigenständigen Gedanken vorgebracht, der emanzipatorisch wirkte. Zuvor herrschte ja das Prinzip, dass der Gläubige eine Geschäftsbeziehung zu Gott hat, indem er für sich durch religiös erwünschte Taten ein Kapital anhäuft, die "Schätze im Himmel", für das er dann eines Tages einen Gegenwert erhält, nämlich seinen Platz im Himmel (bei besonders viel Schätzen einen privilegierten Platz). Ohne diese verlockende Aussicht täte er nichts dergleichen. Er spekuliert auf den ihm in Aussicht gestellten Gewinn und will sich den möglichst privilegierten Platz im Himmel erkaufen. Gegenüber diesem ganz normalen krassen Egoismus stellte die Einführung von sola gratia gewiss keine Steigerung des Egoismus dar; vielmehr schuf der Wegfall der Werkgerechtigkeit Spielraum für mehr Ehrlichkeit. Außerdem waren die guten Taten, mit denen der Platz im Himmel erkauft werden sollte, großenteils Schenkungen an die Kirche, insbesondere Grundbesitz, ferner Beteiligung an Kreuzzügen und sonstigen kirchlichen Kriegen bzw. deren Finanzierung. Indem sola gratia solchen Geschäften die Basis entzog, führte es eine Klärung der Verhältnisse herbei. Ob einem zum Protestantismus Bekehrten dann die Mitmenschen egal sind oder nicht, bleibt seinem Ermessen anheimgestellt; es fällt nur der religiöse Zwang weg, zwecks Vermeidung der Hölle Wohltätigkeit zu praktizieren. Wer in solchem Zwang einen Wert sieht, weil dabei ein paar Almosen für Arme abfallen, mag die Einführung von sola gratia bedauern. Das läuft dann aber auf die Position der RKK hinaus.(11-02-2022, 09:50)Helmuth schrieb: Der Unerlöste bzw. Nichtchrist sieht am Ende nur nur den Tod und wird eines Tages auch mit dem Scherbenhaufen seines eigenen Lebens konfrontert werden. Dann wird ihm gezeigt, dass er dem Wesen nach kein so guter Mensch war, wie er oder andere das meinten.
Vor Gott gelten keine Vergleiche mit anderen, sonden dein eigenes Herz. Er wird mit seinen "guten" Taten nicht länger punkten können, denn diese haben keinen Wert vor Gott. Vielmehr legt er Rechenschaft darüber ab, warum er das Angebot zur Erlösung trotz Verkündigung durch die Nachfolger Jesu nicht angenommen hatte.
An den Worten kann man sehr schoen sehen, warum die protestantische "sola gratia"-Theologie den Egoismus foerdert. Bei aller Rede von Liebe wird hier gepredigt, dass die Mitmenschen letztlich egal sind. Es ist die ultimative Absage an Eigenverantwortung fuer irgendetwas ausser dieser einen Entscheidung fuer einen selbst. Klar, hier wird jemandem "Schuld" zugeschrieben, der das "Angebot" nicht annehmen wuerde, aber das Angebot ist ja letztlich die Abgabe jeglicher Eigenverantwortung. Die Forderung ist die bedingungslose Anbetung eines anderen Menschen (oder Wesens) als einzigem Lebenszweck und -sinn. An dem Punkt wundert sich niemand mehr, warum Geobacter dauernd von Narzissmus redet. Oder warum christliche Demut, obwohl sie die voellige Unterwerfung unter ein anderes Wesen beinhaltet, so oft wie Hoffart rueberkommt.

