30-01-2012, 23:25
(30-01-2012, 19:00)Sangus schrieb:(29-01-2012, 19:54)paradox schrieb: Kausalität bedeutet für mich auch im weitesten Sinne einen ursächlichen Zusammenhang,
[...]
Im Strafrecht wird eine Handlung dann als kausal angesehen, wenn sie nicht weggedacht werden kann, ohne dass der Taterfolg in seiner konkreten Gestalt entfiele.
Also A schlägt B und B hat eine Verletzung. [...]
An Deinem Beispiel aus der Juristerei, paradox,
kann man m.E. sehr schön das grundsätzliche Dilemma erläutern, das hinter Diskussionen wie dieser hier steckt:
Stell Dir vor, Du wärst betraut mit einem Fall von, sagen wir, Kindesmord. Angeklagt ist ein Vater, der seinen 37-jährigen Sohn auf ziemlich unappetitliche Weise mit einem Küchenmesser massakriert hat.
Befragt nach seinen Motiven gibt er zu Protokoll, Gott hätte ihm befohlen, seinen Sohn zu opfern. Wohl hätte er sich aufs Äußerste gesträubt, allerdings gebot es die Demut vor dem Herrn, dieses Opfer zu bringen, und leider stellte sich auch nicht, wie im abrahamitischen Vergleichsfall, kurz vor knapp noch der rettende Engel ein - kurzum: Er konnte nicht anders!
Hallo sangus!
Danke für dieses sehr anschaulische und interessante Beispiel.
(30-01-2012, 19:00)Sangus schrieb: Jetzt kannst Du auf zwei grundsätzlich verschiedene Weisen reagieren:Natürlich ist hier nach b) vorzugehen.
a) Du akzeptierst diese Begründung. In diesem Fall würde aus dem Mord ein Unfall, weil der Vater nicht als Urheber des Geschehens gelten könnte, sondern gemeinsam mit seinem Sohn - sozusagen - ein Opfer "höherer Gewalt" geworden ist.
b) Du akzeptierst diese Begründung nicht; vielmehr lässt Du den Mann psychatrisch untersuchen, um zu klären, ob er an einer behandlungsbedürftigen Geisteskrankheit leidet oder einfach nur blufft.
(30-01-2012, 19:00)Sangus schrieb: Wenn Du aus demselben Kulturkreis stammst wie ich, dann wird man sich in Deinem Rechtssystem für Variante b) entscheiden. Das liegt nun allerdings keinesfalls daran, dass man Variante a) grundsätzlich ausschließen könnte. (Wer weiß, vielleicht haben wir es wirklich mit einem Akt übernatürlicher Offenbarung zu tun, und was sich unserem kleinen Geist als kalter Mord präsentiert, ist in Wahrheit Teil eines göttlichen Plans).Selbst wenn es wirklich göttliche Anordnung wäre, so müsste ich dennoch nach b) vorgehen, weil diese göttliche Anordnung ja nicht mich betrifft.
So gesehen, müsste Gott dies auch mir anordnen bzw. der ganzen Gerichtsbarkeit.
(30-01-2012, 19:00)Sangus schrieb: Die Entscheidung fällt vielmehr deshalb für Variante b), weil wir in unserer Rechtssprechung (und zwar, wie ich finde, aus gutem Grund) zur Erklärung eines Geschehens prinzipiell nur innerweltliche Kausalketten akzeptieren. Dazu gehört neben der rein gegenständlichen "Mechanik" natürlich auch die (manchmal kausal schwer fassbare) Sphäre menschlicher Gründe und Absichten, grundsätzlich aber es geht beim Verstehen und Erklären von Zusammenhängen immer darum, eine Wirkung auf eine (oder mehrere) "diesseitige" Ursache(n) zurückzuführen; die Hypothese "Gott" hat also per definitionem im Gerichtssaal nichts verloren.Sehe ich eigentich auch so.
(30-01-2012, 19:00)Sangus schrieb: Bei diesen unergiebigen Evolution-vs.-Schöpfung-Diskussionen verhält es sich nun im Grunde genauso:
Die "Evolutionstheorie" ist ein Sammelbegriff für den Versuch, ein bestimmtes Phänomen (hier: die Entstehung der Arten) "naturalistisch", d.h. auf Basis innerweltlicher Kausalketten zu erklären. Hierbei handelt es sich schlichtweg um eine methodische Selbstbeschränkung; Naturwissenschaft insgesamt funktioniert nun einmal nur auf Basis der Annahme, dass die Entstehung eines beliebigen innerweltlichen Phänomens X ursächlich auf ein vorhergehendes innerweltliches Phänomen Y zurückzuführen ist - und zwar vollständig und lückenlos.
Das kann man jetzt irgendwie eindimensional oder reduktionistisch finden (und manchmal ist es das vielleicht auch), aber man kann sich leicht vorstellen, was passiert, wenn man mit diesem Grundsatz bricht - egal ob im Gerichtssaal oder bei der Naturerforschung:
Wenn wir hüben oder drüben "Gott" als Ursache zuließen, dann hätten wir keine Grundlage mehr, die Anerkennung der in einem rationalen Diskurs gewonnenen Einsichten durch die Allgemeinheit (oder wie Petronius sagt: "intersubjektive Gültigkeit") einzufordern.
Immer dann, wenn wir irgend ein Phänomen (ein Naturereignis, eine Handlung, den Bauplan eines Körpers) nicht verstünden, wäre es der Beliebigkeit individuellen Befindens anheim gestellt, ob bzw. wann wir uns sagen würden: Wir verstehen es nicht, also ist es wohl so, weil Gott es so wollte, finden wir uns also damit ab.
Nun, vll. habe ich das in meinem Post schlecht ausgedrückt.
Ich habe einen Schnitt gemacht, dort wo mein Glaube anfängt.
Also, ich will damit sagen, dass ich eine evolutionäre Entwicklung gar nicht ablehne.
Und ich habe eigtl. auch gar nichts mit Gott in die Diskussion hineingebracht, würde ich jedenfalls jetzt meinen.
Meine Erklärung bezog sich im Grunde nur darauf, dass aufgrund von kausalen Bedingungen im Leben, eine Art Intelligenz hinter vielen Dingen steckt und ich bezog das dann auch auf die Lebewesen. Gott habe ich in diesem Zusammenhang gar nicht erwähnt, sondern nur, dass etwas nicht zufällig gewisse Funtkionen hat, und dass dahinter auch ein Plan, Absicht, Wille und somit Intelligenz stecken muss.
Wer diese Intelligenz ist, ist wiederum der Punkt, wo ich selber eben nicht weiter weiß; hier gilt es nachzuforschen.
Es kann ein allmächtiger Gott sein, aber es könnte ja auch eine außerirdische Rasse sein, die in Fließbandarbeit lebendes Material erzeugt und im Universum verteilt?
Mein letzter (nach wahrscheinlichen und mE auch empirischen Gesichtspunkten) Schluss ist nur, dass hinter der Kreation Mensch (der auch evolutionär entwickelt ist), Erde, Leben usw. eine Intelligenz stecken muss.
Ab dem Punkt fängt mein persönlicher Glaube, der hier aber gar nichts zur Sache tut, weil das mein persönlicher Glaube ist und weniger mit Indizien od. Wahrscheinlichkeiten begründen kann.
Zitat:Bleibt abschließend nur zu hoffen, dass Du es in Deiner Juristerei genauso hältst: Wenn Dir der Gotteskrieger erklärt, dass er in göttlichem und daher unausweichlichem Auftrag gehandelt hat - finde Dich nicht damit ab ...
Keine Angst, das mache ich schon nicht. Solche Dinge sind klar. Da könnte jeder kommen und sagen, er wollte das gar nicht, sondern sein Gott. Tja, so einfach kann man sich auch nicht herausreden.

